Enya: TMOT portrait still

 

Millionenschwere Märchenfee

Gitti Gülden

wom-Journal (Germany) February 1996



In malerischem Ambiente erschafft ENYA märchenhaft klingende Songs, die auch auf ihrem Bankkonto für zauberhafte Verhältnisse sorgen. Gitti Gülden warf für uns einen Blick in die irische Idylle.

Wie eine zarte Märchenprinzessin gibt sich Enya Ni Bronain, wenn sie, rehäugig und in Samt gewandet, in Interviews mit zarter Stimme von jenen Dingen erzählt, die ihr als Anregung für die Songs ihres neuen Albums »The Memory Of Trees« gedient haben: »Ich dachte an die alten irischen Mythen, an die Druiden, die ihre Heilkräuter unter Bäumen sammelten, ja sogar auf Bäumen lebten. Wenn wir Bäume verstehen könnten, dann sähen wir die Geschichte vergangener Zeiten aus der Sicht der Natur. Wir könnten enorm lernen.«

Das vorliegende Werk ist nach den Welterfolgen »Watermark« (1988) und »Shepherd Moons« (1991) bereits das dritte Soloalbum, das die Irin mit ihren unverkennbaren, sphärischen Klängen füllte. Wie immer entstanden die aufwendig produzierten Songs in Enyas eigenem Studio vor den Toren Dublins, mit hundertfach per Mehrspurtechnik auf-, über- und untereinandergelegten Stimmen und Harmonien. Eine Produktionsweise, die Zeit, Geduld und ein bewährtes Team erfordert.

Enya wurde 1962 als jüngstes von sechs Kindern in Gweedore im County Donegal geboren. Mit 18 schloß sie sich den älteren Geschwistern an, als Keyboarderin und Sängerin der legendären Band Clannad.

Als sie 20 wurde, nahm das Produzenten/Lyriker/Manager-Ehepaar Nicky und Roma Ryan die talentierte Musikerin unter seine Fittiche. Sechs Jahre tüftelte man im Team an einem speziellen Enya-Stil. Roma hatte seit Jahren Tagebuchnotizen, Gedichte und Geschichten gesammelt, die sie nun zu Enya-Songtexten wandelte. Darin geht es vorwiegend um astrologische Wunder, uralte Hymnen, Meeresmythen, Feen, Engel, Sagengestalten, aber auch um Glauben, Hoffnung, Trost und fremde Länder. »ln meinen Liedern kann ich reisen, wohin ich will. Ich kann fliegen, schweben, schwimmen. Romas Texte eröffnen mir die schönsten Möglichkeiten.«

In Wirklichkeit kann Enya übrigens nicht schwimmen, dafür geht sie oft und gerne im hügeligen Umland von Dublin wandern. »Ich arbeite oft lange und spät, manchmal scheine ich mich in der Arbeit zu verlieren.«

Nichts wird dabei dem Computer allein überlassen, alles wird immer wieder eingespielt, und Nicky Ryan sitzt dabei an den Reglern eines extra für ihn gebauten Mischpultes.

Die ätherische Sphärenmusik der Naturfreundin wird gelegentlich als »New-Age-Derivat« belächelt oder als »folkloristische Ambient-Musik« eingeordnet - nicht zur Freude ihrer Schöpferin: »Meine Songs finden sich in allen Hitparaden, ob New Age, Klassik oder Pop. Eine einzige Kategorie wäre mir unangenehm - dazu ist meine Musik einfach zu kostbar.«

Die materiellen Früchte dieser Kostbarkeit sind ansehnlich - zwei Landhäuser nebst Studio und ein paar Pferde gehören dazu. Enya liest kaum, hört fast nur die eigene Musik, hat weder Gatten noch Verlobten oder Freund. Ein Leben nur für die Musik? »Sie macht mich unendlich glücklich!«



Note: Andreas Iwanowitsch, photo provided by Andreas Wilke. Post to the Enya Mailing List on February 26, 1996. There are a number of factual errors in this article. They are present in the original text and are not the fault of the transcriber. The original German text is also available.