Enya: portrait from Only Time: The Collection

 

Die Einsamkeit der Märchenfee

Dagmar Leischow

Kultur News (Germany) December 2000

In ihrem Studio nahe Dublin zaubert Enya weiter märchenhafte Klänge, und mit den Alben vorm aktuellen Longplayer "A Day without Rain" wurde sie zu Irlands erfolgreichstem musikalischen Exportartikel nach U2. Ist die Naturfreudin eigentlich mehr als eine versponnene Esoterik-Tante? Eine Homestory dürfte das klären...


Wie von Geisterhand öffner sich die Tür. Ein zartes Wesen betritt den Salon des irischen Schlosses Humewood Castle. Oder schwebt Enya gar Zentimeter überm Boden? Immerhin gilt sie als Engel des New Age, als mystische Märchenfee. Einfach lächerlich, dieses Image, findet sie: "Die Journalisten erfinden so merkwürdige. Dinge, weil sie nicht viel über mich wissen", eklärt die Sängerin, doch ihre Stimme bleibt erwartungsgemäß sanft.

Entrückt wirkt sie in der Tat nicht, wenn sie über ihr neues Album spricht. Viel experimentiert hat sie. Englische Stücke gibt es, lateinische und gälische Gesänge. Stimmen und Harmonien wurden schichtweise übereinander gelegt. Bei "Fallen Embers" etwa mischten Enya und ihr Produzent Nicky Ryan anfangs 50 Stimmen. Zu opulent, entschied das Team aber schließlich - und dann reichte eine einzige. "Nicky muss mich oft bremsen, weil ich Perfektionistin bin", sagt die Irin. "Dabei gerate ich manchmal in Gefahr, das Gefühl für die Musik zu verlieren."

Gut, dass sie sich auf ihren Produzenten verlassen kann. Er und seine Frau Roma nahmen Enya schon als 20-Jährige unter ihre Fittiche. Damals spielte sie noch in der Familienband Clannad die Keyboards. 1982 amanzipierte sich das mittlere von neun Kindern, feierte Erfolge als Soundtrack-Komponistin.

Ihr Debüt "Watermark" warf 1988 den Hit "Orinoco Flow" ab, danach war sie ein Star. "A Day without Rain" ist nun das vierte Solo-album. Die Musik hat Enya geschrieben, die poetschen Texte stammen, wie üblich, aus Roma Ryan Feder. "Was ich sagen will, kann Roma viel perfekter in Worte fassen", hat Enya gelernt. "Wir sind Seelenverwandte. Sie spürt meine Emotionen." Die Geschichte von einer verflossenen Liebe zur melancholischen Melodie von "Fallen Embers": einfach perfekt. "Als ich den Text zum ersten Mal las", sagt Enya, "traten mir vor Rührung die Tränen in die Augen."

Wer dermaßen in seiner Musik aufgeht, sollte eigentlich vors Publikum treten. Enya holt tief Luft. "Würde ich ja gern, aber eine bühnenreife Version für meine Songs zu finden ist schwierig. "Ein reiner Klavierabend?. Nein, dabei verlieren meine Lieder das Atmosphärische. Aber ich will fürs Fernsehen mit einem Chor in einer Kirche auftreten. Wenn das funktioniert, sehen wir weiter". Ihre rehbraunen Augen schweifen in die Ferne. Wenn sie so versonnen lächelt, erinnert Eithne Ní Bhraonáin alias Enya doch ein wenig an eine Märchenprinzessin.

Aber nix da! Die schwarhaarige Schönheit steht mit beiden Beinen fest im Leben. Dass sie sich ein Schloss kaufte, hat pragmatische Gründe: Sie braucht halt viel Raum. Luxus ist Ihr egal, sagt sie, aber Freiraum unverzichtbar. Das klingt, als sei in ihrem Leben für einen Mann kein Platz. "Bei meinem Lebensstil ist es schwierig, eine Beziehung zu führen", murmelt Enya. Wer will schon eine Frau mit der Musik teilen? Trotzdem ist das Single-Dasein manchmal hart. "Vor drei Jahren war ich mir nicht sicher, ob ich meine Prioritäten falsch setze." Ihre neue Platte wischte diese Zweifel vom Tisch. "Als ich diese positive Musik hörte, wusste ich: Mir geht es gut." Und mal ehrlich Wozu braucht eine Märchenprinzessin auch noch einen Märchenprinzen?

Enya - A Day without Rain (WEA)

Mit ihren vierten Album sezt die irische Märchenfee Enya ihre Reise in höhere Sphären fort. Sie singt glockenklar wie ein Engel; meditiative Klangcollagen treffen Pop und Klassik. Wer sich dem Instrumentalstück "Silver Inches" überlässt, fühlt sich wie eine Ballerina; bei "Tempus Vernum" dagegen beschwört ein düsteres Streicher-Intro Dramatik herauf. Enyas vielschichtige Songs sind wie das Leben selbst: mal fröhlich, mal melancholisch. Das es bei ihr kein Glück ohne Leid gibt, rettet das Ganze dann doch vorm Esoterik-Kitsch.



Note: Simone MK with English translation by Herbert Klein.